wenn ich nicht da bin
aufsatz mith fehlern

written in the framework of
"i fail, we fail, we are failed"
Belluard/Bollwerk Festival
june 25 - july 4, 2026





wenn ich nicht da bin, dann deshalb, weil ich dazu nicht in der lage bin.

ich scheitere.

ich kann mich nicht an die üblichen arbeitszeiten halten; ich kann die erwartungen nicht erfüllen, die üblicherweise an performancekünstler*innen gestellt werden; vielleicht hättet ihr gerne gewusst, was euch erwartet, bevor ihr hierhergekommen seid.

nun, all das stört mich nicht.

denn in wirklichkeit befreie ich uns von der last der normen, die nicht zu uns gehören.

ästhetik des scheiterns und crip-ästhetik.

zur erinnerung:
ästhetik = politik

"crip" stammt von "crippled", einem altenglischen wort, das früher "behindert" bedeutete und mittlerweile abwertend geworden ist. doch inzwischen wurde es von den behinderten-gemeinschaften wieder angeeignet - genauso wie das wort "gay" zum beispiel.

und wie andere eignen auch ich mir die wörter "handicap" und "behindert" wieder an.

wenn ich sage, dass ich behindert bin, dann sage ich das mit dem stolz auf mein überleben und den meiner gemeinschaften, in der überzeugung, dass wir einfach anders sind - doch in einer behindertenfeindlichen gesellschaft, die uns nicht integrieren will, ist dies teil ihrer Normen.
ich werde unsichtbar behindert, handicapé, crip. ich praktiziere die crip-ästhetik. ich versuche es zumindest.

ziel der crip-ästhetik ist es, die künste sowie unsere sozialen und politischen normen zu "cripen", damit die funktionsweise und die bedürfnisse von minderheiten - und nicht nur jene der behinderten-gemeinschaften - in den mittelpunkt von prozessen und produkten gerückt werden. und so lächelt uns die norm nicht nur an, um uns "einzubeziehen", sondern wird grundlegend transformiert. hin zu einer echten gleichberechtigung.

wunderschön, nicht?

trotz allem gibt es jedoch etwas, das mich daran stört, dass ich nicht hier sein kann.

in gewisser weise ist meine abwesenheit ein beweis dafür, dass ich in meiner gegenwärtigen situation nicht anders handeln kann, als einige meiner werte zu verraten.

anstatt die innere kraft aufzubringen, hierherzukommen - im vertrauen darauf, dass ich einen lauf der solidarität finden würde, der dieses "auf mich selbst aufpassen", das wir so oft ganz allein tun, ersetzen würde -, verspüre ich das bedürfnis, fernzubleiben und mich dem zu widmen, was ich für mein überleben halte.

ich spüre keine brutalität mir selbst oder dir gegenüber, wenn ich weg bin; man könnte sagen, ich habe mich für sanftheit und fürsorge entschieden, und das stimmt auch.

aber ich weiss auch, dass mein mangel an vertrauen in die menschen teil der brutalität unseres systems und seiner tödlichen auswirkungen ist.

ich bin an einem punkt angelangt, an dem ich (oft glaube, dass ich) unser system verkörpern muss, um zu überleben.

und das ist nicht das einzige beispiel.

es gibt andere, in denen ich mit scham spüre, dass ich unfreiwillig mechanismen vergegenständliche, die durch meine privilegien - einschliesslich der weissen hautfarbe - in meinem fleisch und meinen gedanken verankert sind. und hier tut es weh.

in dir

in mir.

könntest du meine entschuldigung annehmen?

bist du in der lage und bereit, mir zu sagen, was du sonst noch bräuchtest?

all das ist so traurig,

während ich tief in meinem herzen gerne mit dir eine identität aufbauen möchte, eine, die in beziehungsfähigkeit verankert ist, eine weltanschauung, die sich unaussprechlich unterscheidet vom westlichen
individualismus,
kapitalismus,
kolonialismus,
rassismus,
sexismus,
homophobie,
transphobie,
biphobie,
enbyphobie,
fremdenfeindlichkeit
und so vielen anderen phobien,
kriegstreiberei,
faschismus...

ich scheitere, und ich bin auch ein beweis dafür, dass unser system gescheitert ist.

ich werde zu meiner kunst, und meine abwesenheit ist ein produkt, das ich euch anbiete.